Konzept
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(In)Visible Cities
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- Konzept -
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Das Leben in Städten ist normal geworden. In westlichen Ländern wohnen Dreiviertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten, die Wanderungsbewegungen in städtische Räume sind so stark wie nie zuvor. Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz steigend. Metropolen und Megastädte mit mehreren Millionen Einwohnern gewinnen damit eine immer größere Bedeutung als zentrale Lebensräume der Menschheit, die Urbanisierung prägt die menschliche Lebenswelt immer nachhaltiger und grundsätzlicher. Städtische Strukturen sind im 21. Jahrhundert zum normalen Habitat des Menschen geworden. Aber was ist „Stadt“?
Die Stadt, das unbekannte Wesen?
Wie die Stadt wirklich ist, unter dieser dichten Hülle von Zeichen, was sie enthält oder verbirgt – man verlässt Tamara, ohne es je erfahren zu haben.
(Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte[1])
Eine Stadt ist ein Konglomerat zahlreicher Faktoren, ein Zusammenspiel kultureller und sozialer ebenso wie ökonomischer, infrastruktureller und finanzieller Aspekte. Am deutlichsten sichtbar und damit unmittelbar plastisch erfahrbar wird Stadt jedoch im Gebauten: Architektonische Strukturen und Konstruktionen, Häuser, Straßen, Plätze, Brücken prägen das urbane „Gesicht“.
Dennoch nimmt der Großteil der Stadtbewohner seine architektonische Umgebung kaum bewusst wahr. Funktionale Nutzbauten wie Büros, Wohngebäude, Werkhallen, denen man tagtäglich begegnet, werden nicht beachtet. Allenfalls außergewöhnliche Bauwerke aus vergangenen Zeiten oder extravagante moderne Bauten werden bemerkt und gegebenenfalls diskutiert. Die allgemeinen architektonischen „Hüllen“ unseres Alltags hingegen werden hingenommen, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu widmen.[2] Eine überraschende Situation, bedenkt man die Bedeutung der Architektur, die nicht nur das menschliche Lebensumfeld gestaltet, sondern auch die kulturelle und historische Identität wesentlich mitformt.
Bauen ist Lebensraum gestalten
Aber die Stadt erzählt ihre Vergangenheit nicht, sie enthält sie wie die Linien einer Hand, eingeschrieben in die Ränder der Straßen, die Gitter der Fenster, die Handläufe der Treppengeländer, die Anntennen der Blitzableiter, die Masten der Fahnen [...].
(Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte[3])
Architektur als Baukunst bedeutet mehr als das formale Errichten von Gebäuden, als Ingenieurswesen im engeren Sinne. Architektur ist das Denken und Gestalten von Raum als einer wesentlichen Facette des menschlichen Lebens: Einen Großteil unseres Alltags verbringen wir in gebauten Räumen – nicht umsonst spricht man von „Lebens-Raum“.
Wie einflussreich Architektur-Formen in gesellschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht sind, hat sich vor nicht allzu langer Zeit etwa im sogenannten „Minarett-Streit“ in der Schweiz gezeigt, in dem sich der Disput an einem architektonischen Detail entzündet hat, obwohl es letztlich um kulturelle und gesellschaftliche Entscheidungen ging. Dennoch hat sich die Frage an einem Baudetail festgemacht, denn: „Daran wird die kulturelle Veränderung unseres Alltags nach außen sichtbar. Man kann einen Bau nicht wegdenken. Er steht in der täglichen Welt“ (Peter Zumthor[4]).
Auch in vielen Formulierungen und Redewendungen, die Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden haben, spiegelt sich wider, wie groß der Einfluss gebauter Strukturen auf das menschliche Leben auch im übertragenen Sinne ist: Man will mit dem Kopf durch die Wand oder einen Blick hinter die Fassade werfen, man mauert sich ein oder gegen jemanden. Argumente werden untermauert und fundiert.
Aber auch auf persönlicher Ebene lässt sich der Einfluss von Architektur beobachten. Erinnerungen sind sehr oft mit baulichen Elementen verbunden. Daniel Libeskind etwa beschreibt eine Art „architektonisch-räumlicher Erinnerung“, die persönliches Erleben mit Bauten verknüpft: „Wir denken nicht an die Naturwissenschaft, sondern an die Architektur, wenn wir von Raum oder Zeit in Bezug auf unsere Erfahrungen und Erinnerungen sprechen.“[5] Ganz in diesem Sinne stehen auch unsere imaginären Bilder von Metropolen mit Bauwerken in Verbindung – was wäre Paris ohne Eiffelturm, London ohne Tower Bridge, New York ohne Wolkenkratzer?
Der „Gesichtsverlust“ unsichtbarer Städte
All diese Schönheiten kennt der Reisende schon, da er sie auch in anderen Städten schon gesehen hat.
(Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte[6])
Im Zeitalter der Globalisierung wird jedoch nicht nur unsere Aufmerksamkeit für die Architektur um uns geringer, auch die Individualität der Städte selbst schwindet. Die modernen Metropolen gleichen sich einander zunehmend an und verlieren ihr individuelles Gesicht: Wolkenkratzerwelten, Straßennetze, Satelittenstädte folgen von den USA über Europa bis nach Afrika und Asien den immer gleichen Mustern. Die Innenstädte werden mit denselben Ladenketten hinter stylischen Glasfassaden in Fußgängerzonen anonym und austauschbar. In den letzten Jahrzehnten haben die urbanen Bautendenzen zu einem Stadtbild geführt, das kontinuierlich wiederholt wird und die Städte dabei „unsichtbar“ werden lässt.
Ausstellung „(In)Visible Cities“
Architektur prägt den Alltag und die Kultur ebenso wie das individuelle und kommunikative Miteinander. Daher ist es wichtig, den Blick zu schärfen für den uns umgebenden gebauten urbanen Umraum und die ihn prägenden architektonischen Strukturen: Es gilt, die unsichtbaren Städte sichtbar werden zu lassen. Dieses Ziel hat sich die Ausstellung „(In)Visible Cities“ gesetzt.
Ausgewählt wurden Arbeiten von vier renommierten Künstlern, die sich der komplexen Thematik mit unterschiedlichen künstlerischen Medien und Herangehensweisen annähern und verschiedene Sichtweisen zu Urbanisierung, Stadt und Architektur entwickeln. In der Ausstellung im Kunstverein Ettlingen werden erstmals die Kunstwerke so inszeniert, dass sie nicht nur miteinander in Kommunikation treten, sondern auch auf den umgebenden Ausstellungsraum reagieren und besondere Sicht- und Denkachsen entwickeln.
Durch die innovative Fragestellung wird eine bedeutsame Thematik aufgegriffen, wie sie bisher noch nicht in den Fokus gestellt wurde. Die besondere Verbindung von Kunst und Architektur in der Gruppenausstellung eröffnet den Besuchern eine in dieser Form noch nicht dagewesene Begegnung mit der sie umgebenden gebauten Umwelt. Der Zugang zur Thematik, wie er in der Kombination der ausgewählten Kunstwerke zum Ausdruck kommt, bietet überraschende Einsichten, ungewohnte Anblicke, neue Denkansätze. Das Bewusstsein der Ausstellungsbesucher für das allzu gewohnte Thema wird geweckt, Fragen werden aufgeworfen und der Blick für Architektur geschärft.
Ausgewählte Künstler:
Stefan Hoenerloh: Malerei,
Karl-Heinz Bogner: Plastik und Malerei
Johannes Twielemeier: Fotografie und Skulptur
Annett Zinsmeister, Fotografie / Installation
Die Ausstellung wird begleitet von einer Publikation, die dem Leser die Reflexion und Auseinandersetzung mit der Thematik der Ausstellung auch über den Vor-Ort-Besuch und der Begegnung mit den Kunstwerken hinaus ermöglicht. Die grafische Darstellung der Publikation soll als Spiegel der Schau fungieren und ihre thematischen Elemente aufnehmen.
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[1] Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 152009, S. 22.
[2] Eine andere Hülle des menschlichen Alltags, ohne die nichts mehr vorstellbar ist, erfährt dagegen wesentlich mehr Beachtung: die Kleidung.
[3] Calvino 152009, S. 18f.
[4] Peter Zumthor im Interview, in: art. Das Kunstmagazin, Februar 2010, S. 115.
[5] Daniel Libeskind, mit Sarah Crichton, Breaking Ground, Entwürfe meines Lebens, aus dem Englischen von Franca Fritz, Heinrich Koop, Köln 2004, S. 308. Sehr viel schlichter lässt sich diese Beobachtung im alltäglichen Leben machen: Erinnerung und Vorstellungen werden oft mit räumlichen Bildern verbunden; sei es „Studieren“ an der Universität mit Hörsälen, Bibliotheken, Mensa, sei es „Zuhause“ mit dem alten Kinderzimmer, dem Garten etc.
[6] Calvino 152009, S. 15.